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Deutscher Gleitschirm- und Drachenflugverband e.V.

DHV
12.03.2020

Arbeitsgruppe Gleitschirm-Nachprüfungen

Der DHV hatte einige Hersteller und Nachprüfbetriebe zu einem Hearing eingeladen. Es ging der DHV-Geschäftsführung, dem Referat Sicherheit und Technik und der DHV-Musterprüfstelle dabei darum, einen vertieften Einblick in die Thematik zu erhalten und mitzuhelfen, Lösungsvorschläge für erkannte Probleme zu erarbeiten. Vom Grundsatz her ist nicht der DHV, als staatlich Beauftragter, sondern allein der Hersteller für den ganzen Bereich Nachprüfungen verantwortlich. Der DHV möchte aber im Interesse der Piloten seinen Beitrag leisten und unterstützend wirken.

Zunächst konnte festgestellt werden, dass die Situation in Deutschland insgesamt relativ zufriedenstellend ist. Die gesetzliche Nachprüf-Pflicht nach § 13 der LuftGerPV ist die Basis für eine insgesamt hohe Akzeptanz der regelmäßigen Checks bei den Piloten. Der weitaus größte Teil der Checks wird, so die Einschätzung der Experten, ordnungsgemäß nach den Nachprüfanweisungen der Hersteller durchgeführt. Allerdings sind diese Nachprüfanweisungen von sehr unterschiedlicher Qualität, besonders hinsichtlich Angaben zu Trimmtoleranzen und Nachtrimmung. Einige Hersteller haben sehr detaillierte und muster-spezifische Anweisungen, teils als hoch-entwickelte, automatisierte Online-Software. Andere nur sehr allgemein gehaltene Vorgaben ohne Unterschiede bei den einzelnen Mustern. Die Nachprüf-Experten sind einhellig der Ansicht, dass es sehr wichtig ist, für jedes Schirm-Muster individuelle Angaben zu Trimm-Toleranzen und Leinen-Festigkeitswerten verfügbar zu haben.
Damit ist als erstes Ergebnis des Arbeitsgruppen-Treffens der Wunsch nach einem einheitlichen und insgesamt höheren Standard der Hersteller-Nachprüfanweisungen festzuhalten. Die Experten würden sich eine einheitliche Web-basierte Check-und Trimm-Software wünschen, die von allen Herstellern und den Nachprüfbetrieben verwendet wird.

Schlampige Arbeit bei den Nachprüfbetrieben wird, roundabout, bei 10% der Nachprüfungen festgestellt. So die Schätzung der Experten-Runde. Allerdings sind die Fehlleistungen einiger weniger Nachprüfbetriebe durchaus bemerkenswert. Da werden vorgeschriebene Leinen-Festigkeiten nicht getestet, Trimmvorschriften ignoriert, Leinen nicht nach den Nahtbild-Vorgaben der Hersteller vernäht, Ersatzleinen eingebaut, die den vorgegebenen Material-Spezifikationen nicht entsprechen, Leinenschlösser nicht verschlossen und dergleichen Dinge mehr. Die Fachleute machen dafür teils ein mangelndes Qualitätsbewusstsein der betreffenden Checkbetriebe, hauptsächlich aber fehlende Fachkenntnis des Check-Personals verantwortlich. Den Experten war es wichtig, festzuhalten, dass eine gründliche Nachprüfung einen Zeitbedarf von 3 Stunden + hat und deshalb auch ihren Preis haben muss. Für um die 100 € ist diese Arbeit nicht zu machen.
Zweites Ergebnis: Gleitschirm-Nachprüfer benötigen eine gründliche Einweisung. Gleitschirme checken und trimmen ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, die technisches Verständnis (z.B. bei der Trimmung), handwerkliches Können (z.B. beim Anfertigen von Ersatz-Leinen) sowie ein gutes Organisations (QM)-Vermögen verlangen (Fehler beim Check können für den Piloten gravierende Folgen haben). Es sollen Empfehlungen für die Einweisung von Checkern ausgearbeitet werden. Der Wunsch wäre, dass nur solchermaßen ausgebildete Checker die Nachprüfungen durchführen dürfen.

Die Experten diskutierten auch die Relevanz der Nachprüfungen für die Flugsicherheit- schließlich ist das ihr Grundgedanke. Aus dem Ausland, vor allem aus Süd- und Osteuropa sind Fälle von haarsträubenden Materialversagen bekannt. Tücher, die sich wie ein Blatt Papier zerreißen lassen, Top-Leinen, die nur noch einstellige daN-Festigkeiten aufweisen, Leinen-Serienrisse als Unfall-Ursache, extreme Flugreaktionen durch starke Trimmabweichungen, etc. Einige dieser Fälle sind dem DHV bekannt und wurden untersucht. Hier war jedes Mal festzustellen, dass die betroffenen Gleitschirme nie einen Checkbetrieb von innen gesehen haben (in manchen Ländern gibt es keinen einzigen Checkbetrieb) und weit über-beansprucht waren, teils mit dem Dreifachen der zulässigen Betriebsstunden. Aus Deutschland sind nur wenige Einzelfälle zu nennen. Der DHV hat in den letzten 20 Jahren viele Unfall-Gleitschirme nachgetestet (Flugtests und Vermessung). Dabei gab es zwei Fälle von abweichendem Extremflugverhalten (im Vergleich zur LTF-Klassifizierung). Eines war ein alter „Dünenschirm“, der überbeansprucht und nie gecheckt war, der andere ein frisch nachgeprüfter Schulungsschirm. Der Checkbetrieb hat diesen Schirm- obwohl es erforderlich gewesen wäre- nicht getrimmt und so kam es zu einem Sackflug-Unfall.

Regelmäßig gibt es Probleme mit verkürzten Steuerleinen. Die Nachprüf-Experten bestätigten hier die Feststellungen des DHV aus Unfalluntersuchungen. Sowohl bewusste Verkürzungen der Steuerleinen durch den Halter als auch selbsttätige Verkürzungen durch Schrumpfung der Dyneema-Steuerleinen werden relativ häufig beobachtet.
Hier besteht der Wunsch die Gleitschirmpiloten zu sensibilisieren. Zum einen muss jeder wissen, dass jede Veränderung der Steuerleinen-Längen unterlassen werden sollte. Zum anderen müssen die Piloten auch erkennen, wenn es zu einer Schrumpfung der Steuerleinen gekommen ist (Check der Hinterkante im Flug).

Zusammengefasst kann festgehalten werden:
Wenn ein Gleitschirmpilot seinen Schirm regelmäßig bei einem vom Hersteller autorisierten, renommierten Nachprüfbetrieb checken lässt, ist ein guter Sicherheitsstandard gewährleistet. Heute schon. Noch sind aber nicht alle Hersteller in der Lage, aussagekräftige Nachprüfanweisungen, insbesondere hinsichtlich Trimmkorrekturen und Leinenfestigkeit, verfügbar zu machen. Das wäre eine wichtige Verbesserung, die angegangen werden muss. Die beste Lösung hierfür wäre eine entsprechende Web-basierte Software. Ein erster Termin zu einem Folgemeeting mit Check-Experten und einem Entwickler von Web-basierten Datenbanken steht schon fest.
Eine standardisierte Ausbildung/Einweisung für Gleitschirm-Checker ist ein Ziel, auf das dringend mit den zuständigen Stellen hingearbeitet werden sollte.

Teilnehmer waren (Bild oben von links):
Robin Frieß (DHV), Anselm Rauh (Fa. Turnpoint), Manfred Kistler (Fa. Skywalk), Wolfgang Hogen (Fa. Mergenthaler), Philip Müller (Fa. Swing), Reiner Brunn (DHV), Karl Slezak (DHV), Konrad Görg (Fa. Kontest), Christoph Weber (Fa. Turnpoint)

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