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Deutscher Hängegleiterverband e.V.

DHV

"Nesler-Griff" im DHV-Test

Michael Nesler, Gleitschirmkonstrukteur, Fluglehrer und Buchautor, empfiehlt in seinem vielbeachteten Buch „Nestflucht“ eine neue Methode der Pilotenreaktion bei seitlichen Einklappern. Zitat („Nestflucht“ Seite 45):

“Kippt das Gurtzeug zu einer Seite hin weg (z.B. bei einem Klapper rechts nach rechts), hält sich der Pilot mit den Bremsen in der Hand auf der offenen Seite (links) knapp über dem Hauptkarabiner fest und zieht sich in die ursprüngliche Sitzposition hoch. Durch diesen einfachen Trick werden zwei wichtige Dinge erreicht:
1. Zuerst wird das gesamte Gewicht auf die offene Seite verlagert.
2. Dann bremst man automatisch genügend gegen, ohne einen Strömungsabriss zu riskieren. Die Nick- und Drehbewegungen werden so im Ansatz abgefangen“.

Video (im Gurtzeugsimulator)

 

Die Testpiloten des DHV haben einen schönen Januartag genutzt, um dem „Nesler-Griff“ mit Schirmen verschiedener Klassifizierungen zu erproben. Zum Einsatz kamen:
Firebird First (LTF 1), Skywalk Tequila 2 (LTF 1-2 Low End), Ozone Rush 2 (LTF 1-2 High End), Airwave Mustang (LTF 2). Breite des Brustgurtes gemäß Prüfvorschriften 44-46 cm.

Zunächst wurden die Schirme auf ihr Klappverhalten ohne Eingreifen des Testpiloten (unbeschleunigt und beschleunigt) getestet. Die leihweise zur Verfügung gestellten Seriengeräte zeigten dabei ein klassentypisches Verhalten.

Video Tequila      Video Rush       Video Mustang

 

Verhalten der Geräte bei Anwendung des „Nesler-Griffes“
Im Vergleich zur Schirmreaktion ohne Eingreifen des Piloten war grundsätzlich ein geringeres Wegdrehen und Abtauchen der Kappe auf die Nase zu beobachten.

Video Tequila       Video Rush       Video Mustang


Dabei spielte jedoch die Steuerleineneinstellung, bzw. die Art, wie der Pilot die Steuerleinen hält eine bedeutende Rolle.
Wie sehr diese Parameter Einfluss auf die Wirksamkeit des "Nesler-Griffes" haben, verdeutlichen die Bilder in der PPS-Präsentation.

PPS-Präsentation

Dies zeigte sich auch bei den Testflügen. Hier am Beispiel des Ozone Rush. Video 1 zeigt die Reaktion auf einen Einklapper mit Nesler-Griff bei ungewickelten Bremsen. Video 2 zeigt die Reaktion auf einen Einklapper mit Nesler-Griff, bei dem die Bremsen durch eine "halbe Wicklung" um ca. 15 cm verkürzt sind.

Rush Video 1                            Rush Video 2    


In Video 1 ist die Bremswirkung auf der offenen Seite minimal, der Schirm dreht deutlich weg.
In Video 2 ist die Bremswirkung an der Hinterkante zu sehen, der Schirm dreht nur minimal weg.

Öffnungsverhalten
Bei der Anwendung des Nesler-Griffs war gehäuft eine impulsive Wiederöffnung des eingeklappten Flügels zu beobachten.

Mustang                               Rush

Gewichtsverlagerung
Das aktive Heranziehen des Körpergewichts von der entlasteten auf die offene Seite war bei den Versuchen der DHV-Testpiloten relativ leicht zu erreichen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Brustgurtweite (gemäß den Prüfvorschriften) mit 46 cm moderat war. In der Praxis fliegen viele Piloten mit Brustgurtweiten bis zu 55 cm.

Fixierung als mögliche Gefahr
Ein Problem des Nesler-Griffes könnte das "digitale" Gegenbremsen sein, das durch die Fixierung der Hand am Tragegurt oberhalb des Karabiners, stets gleich stark ausfällt. Dieses Gegenbremsen kann in bestimmten Situationen zu stark sein (besonders bei Schirmen mit kurzen Steuerwegen und/oder kurz eingestellten Bremsen oder Wickeln) und einen Strömungsabriss verursachen.
Das nachfolgende Video verdeutlicht das Problem. Hier kommt es zu einem Einklapper der linken Flügelseite, während die rechte Flügelseite, durch Einfliegen in einen Aufwind, einen erhöhten Anstellwinkel hat. Dabei reißt, bereits bei relativ geringem Gegenbremsen, die Strömung an der offenen Seite ab.

Video Klapper mit Strömungsabriss

Bei Einklappern aus einer Nickbewegung nach vorne, die meist ein sehr rasches Wegdrehen des Flügels zur Folge haben, wird das beim Neslergriff erzeugte Gegenbremsen wahrscheinlich zu gering ausfallen, insbesondere wenn die Bremsen lang eingestellt und/oder mit einem Steuergriffhaltung geflogen wird "wie im Bus, wenn man sich an der Halteschlaufe festhält".
Das nachfolgende Video zeigt einen solchen Einklapper aus einer beginnenden Nickbewegung nach vorne. Hier wäre als Pilotenreaktion ein kurzzeitig relativ energisches Gegenbremsen richtig, um die heftige Dreh- und Vorschießbewegung der Kappe zu stoppen.

Video Klapper aus Nickbewegung mit schnellem Wegdrehen

Nach Lehrmeinung ist grundsätzlich ein Fixieren der Tragegurte mit den Händen zu vermeiden. Grund: Der Pilot kann nicht mehr aktiv mit den Steuerleinen ins Geschehen eingreifen. Hierin liegt eine gewisse Gefahr bei der Anwendung des Nesler-Griffes: Fixiert auf das Festhalten am Tragegurt, wird vom Piloten möglicherweise erst spät erkannt, dass diese Maßnahme zur Kontrolle der Drehbewegung des Schirmes nicht ausreicht. Das kann z.B. bei einem Verhänger der Fall sein, der den Schirm rasch in eine heftige Rotation bringt oder bei einem hangnahen Klapper, wo dier erste Priorität darin besteht, ein frontales Zudrehen auf den Hang zu verhindern.
 
Zusammenfassung
Bei Testeinklappern aus dem stationären Flug in ruhiger Luft zeigte sich der Nesler-Griff, richtige Konfiguration der Steuerleinenlängen/Griffhaltung vorausgesetzt, sehr wirkungsvoll. Drehtendenz und Vorschießimpuls des Schirmes nach dem Einklappen wurden deutlich gedämpft, bzw. im Ansatz verhindert.

Abhängig von Steuerleineneinstellung und der Haltung des Steuergriffs ergibt sich eine große Bandbreite des beim Nesler-Griff wirkenden Steuerweges von unter 10 cm bis über 40 cm. In der Konfiguration von Steuerleineneinstellung und Griffhaltung, die auch der DHV empfiehlt, zeigte sich der Nesler-Griff am effektivsten: Werkseinstellung der Steuerleinen (ca. 15 cm Vorlauf), Griffhaltung mit einer "halben Wicklung".

Bei Schirmen der Klassen 1 und 1-2 (bzw. A und B) dürfte die bei Anwendung des Nesler-Griffs ausgeübte Gewichtsverlagerung und der Bremsinput an der offenen Seite auch bei turbulenzbedingten Klappern geeignet sein, das Geräteverhalten in den meisten Fällen deutlich zu entschärfen.

Für eine Anwendung bei allen Einklapp-Situationen ist der Nesler-Griff jedoch zu statisch. In bestimmten Situationen kann das dadurch generierte Anbremsen zu gering, in anderen zu stark ausfallen. Deshalb kann eine grundsätzliche Empfehlung, den Nesler-Griff in allen Einklapp-Situationen anzuwenden, nicht gegeben werden. In jedem Fall sollten Gleitschirmpiloten den Nesler-Griff nur als erste "Reflex-Reaktion" auf einen seitlichen Einklapper anwenden, mit der Option, die Steuerung an der offenen Seite nicht blockiert zu halten sondern ein ggf. erforderliches aktives Steuern ausführen zu können. Wichtig ist zudem, dass der Nesler-Griff nicht bei Situationen, wo bereits geringes Anbremsen zu einem Strömungsabriss führen kann (siehe Video Klapper mit Strömungsabriss), angewandt wird.

Michael Nesler empfiehlt seine Technik ausschließlich Piloten, die darauf trainiert sind. In einem Sicherheitstraining sollen Gurtzeugeinstellung, Steuerleineneinstellung und Griffhaltung auf das Geräteverhalten beim "Nesler-Griff" abgestimmt werden.

Das beobachtete impulsive Wiederöffnen des eingeklappten Flügels könnte verstärkt zu Gegenklappern mit Verhängergefahr führen. Die DHV-Testpiloten werden den Nesler-Griff bei künftigen Musterprüfungen (außerhalb des LTF-Testflugprogrammes) standardmäßig testen, um weitere Erfahrungen zu sammeln.

Karl Slezak
DHV-Sicherheitsreferent

Zur Thematik siehe auch die folgenden Artikel
http://www.dhv.de/web/Achtung_Einklapper_T.1605.0.html
http://www.dhv.de/web/Achtung_Einklapper_T.1606.0.html

Dank an Reiner Brunn und Mike Küng (Testpiloten), Wolfram Kastl (Kamera), Flugschule OASE, Peter Geg für die Leihgeräte, Helene und Robert von der Flugschule Hochries für die Simulatorvideos.