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Deutscher Hängegleiterverband e.V.

DHV

„Weightless“, der neueste Film von Jean-Baptiste Chandelier
2-Leiner: Beschleuniger vs. B-Steuerung
Beschleuniger vs. B-Steuerung Demo von Ferdinand Vogel
Sebastian Barthmes verrät, wie die großen FAIs gelingen.
Gegen den Wind nach Ehrwald zurück, hervorragend aufbereitet.
DHV-Wetterexperte Volker Schwaniz erklärt, warum 2017 so wettertechnisch so schwierig war.
Deutsche Meister XC-GS-Gesamt vl. Marcel Dürr (2), Sebastian Barthmes (1), Tim Huber (3)
Deutsche Meister XC-GS-Sport vl. Tim Huber (2), Marcel Dürr (1), Helmut Blaim (3)
Deutsche Meister XC-GS-Standard vl. Hans Walcher (2), Dietmar Siglbauer (1), Werner Schütz (3)
Deutsche Meister XC-HG-Flexibel vl. Gerd Dönhuber (2), Markus Ebenfeld (1), Roland Wöhrle (39
Deutsche Meister XC-HG-Starr vl. Jochen Zeyher (2), Patrick Ruber (1)

XC-Sportlertag 2017

Text Benedikt Liebermeister, Fotos Ewa Korneluk

Zur Jahrestagung

Photogallery am Ende des Textes

Siegerehrungen und erstklassige Vorträge in Bild und Ton zur XC-Praxis

Corvo - Azoren: Ein Jogger läuft auf einem Bergkamm, die Schritte werden leichter, plötzlich schwebt er über das Holzgeländer, hängt am Gleitschirm und soart die Ridge entlang. Der Beginn von „Weightless“, dem neuesten Film von Jean-Baptiste Chandelier. „Ein Meisterwerk“, urteilte der DHV-Vorsitzende Charlie Jöst, als er ihn zur Einstimmung des Sportlertages präsentierte. Noch nie hat man die Leichtigkeit des Gleitschirmfliegens in einer derartigen Perfektion gesehen. Lässig, atemberaubend, coole Musik und technische Höchstleistung. 

Die Sportler waren begeistert. Ferdinand Vogel, Volker Schwaniz und Sebastian Barthmes boten im Anschluss erstklassige Vorträge. Moderator Ralph Schlöffel feierte nach einem Jahr Pause ein kleines Comeback. Sehr gut vorbereitet hatte er zu jedem Sportler eine kleine Geschichte parat und bereitete außergewöhnliche Flüge detailliert auf.

Flugtechnik beim 2-Leiner

Ferdinand Vogel hat eine lange Liste außerordentlicher Erfolge vorzuweisen. 2013 flog er Deutschen Rekord mit einem 274 FAI Dreieck vom Osterfelder, im gleichen Jahr gewann er als Newcomer zwei Tasks beim PWC in Annecy. Im Moment arbeitet er bei Nova als Testpilot. Sein Thema: „2-Leiner beim Streckenfliegen“. Auch Ferdinand hing mal am A-Schirm und schwor sich, niemals einen Hochleister zu fliegen. „Aber ich habe trainiert wie ein Besessener, jede freie Minute zum Groundhandling genutzt und mich Schirm für Schirm hochgearbeitet.“ High-End B war die erste, echte Schwelle, der Sprung zu LTF-D dann richtig heftig. Ab High-End B sollte der Pilot sich immer wieder in Sicherheitstrainings mit seinem Schirm vertraut machen. Zum Anspruch früher und heute: Ferdinand stellte einen Nova Phantom von 1991, damals ein 3er, einem heute vergleichbaren Nova Sector, geplant LTF-C, gegenüber. Augenfällig die Fläche. Der Phantom hatte projiziert 29 qm gegenüber einem Sector mit 21 qm. Natürlich hat die kleine Fläche eine Menge Vorteile, aber ganz sicher auch mehr Dynamik. Nach einer intensiven Testsession von B-Schirmen benötigt er 2-3 Tage, bis er sich unter seinem 2-Leiner wieder wohlfühlt. Denn dabei erfährt er, was alles passieren könnte. Die Kunst bei Hochleistern/2-Leinern besteht darin, es nicht so weit kommen zu lassen, den Schirm im Ansatz schon abzufangen. Aktives Fliegen mit Beschleuniger und B/C-Gurten ist die Voraussetzung. Spürt er eine Turbulenzeinwirkung über die gesamte Kappe, gleicht er mit dem Beschleuniger aus. Erfolgt die Einwirkung asymmetrisch, zieht er am jeweiligen Gurt.

Weit, weiter, am weitesten….

Sechs Dreiecke über 200 km und vier weitere mit knapp 200 km hat Sebastian Barthmes 2017 auf seinem Konto. Ein 200 FAI am Speikboden flog er mit 28,8 km Durchschnittsgeschwindigkeit. Wie ihm solche Erfolge gelingen, offenbarte er in seinem Vortrag „Wetterorientierte Streckenflugtaktik“. Dabei bereitete er exemplarisch drei seiner Flüge mit Fotos, Grafiken und Tracks auf. An suboptimalen Tagen mit tiefer Basis und relativ viel Wind bieten sich freie Strecken von Süd nach Nord oder Abenteuerflüge an. Beispiel sein Flug von Bassano ins Zillertal. „Ich hab‘ immer die Luvlinien gesucht. Ist der Wind zu stark, an Düsen beispielsweise, geb‘ ich nach und such die Thermik im windgeschützten Bereich weiter hinten.“ Natürlich darf man sich dabei nicht in unlandbare Zonen verblasen lassen, deshalb ist detaillierte Streckenplanung unumgänglich. Taktik gegen den Wind war Thema bei seinem FAI vom Wank, das er komplett zumachte. Die Schlüsselstelle war, aus dem Ötztal zurück das Inntal queren Richtung Fernpass gegen Tal- und überregionalen Wind. Geschickt flog er die Winddüsen indirekt an, hangelte sich durchs Lee und drehte in der Luv-Thermik wieder auf. Die gleiche Taktik bei Ehrwald zur Zugspitze und das Garmischer Tal lag vor ihm. Sein eindrucksvollstes FAI (Artikel im Info 207, S. 80ff) vom Speikboden (270 km), weitab der ausgetretenen Pfade, demonstrierte die Optimierung der Gesamtstrategie. Konzipiert war ein 300er, doch am Venet ging der Plan nicht mehr auf. Starker Talwind und zerissene Thermik zwangen ihn hier den Wendepunkt zu setzen und über das Ötztal zurück nach Sterzing zu fliegen. 

Moderator Ralph Schlöffel kommentierte lachend: „Jetzt hab‘ ich’s auch verstanden, immer voll ins Lee!“ Sebastian konterte: „Nicht ganz, sondern mit Hirn ins Lee!“

Das Wetter wird am Berg gemacht?

Ob an dem Spruch was dran ist, untersuchte DHV-Wetterexperte Volker Schwaniz in seinem Vortrag. 2017 war ein sehr schwieriges Flugwetterjahr, die Prognosen lagen sogar im 12 Stundenbereich häufig daneben. Dynamische, schnelle Wetterabläufe, viele Höhentröge, anhaltend starke Höhenströmungen, vor allem im Norden äußerst labil, trugen dazu bei. Der Spruch „Das Wetter wird am Berg gemacht“ erhielt eine ganz neue Bedeutung. Volker demonstrierte anschaulich, dass dies sicher nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Auf Webcam-Fotos von Wallberg und Brauneck erzeugten das Wolkenbild und der moderate Wind am Vormittag einen völlig harmlosen Eindruck. Es herrschte reger Flugbetrieb. Innerhalb kürzester Zeit entwickelten sich Wind und Großwetterlage äußerst kritisch, Böen bis 70 km traten auf. Auf der Webcam zeigte sich ein Haufen ratloser Piloten mit gerafften Schirmen. Mit einer halbwegs routinierten Wettervorbereitung am PC war die zu erwartende Kaltfront und auch deren hohe Geschwindigkeit klar zu erkennen. Ebenfalls zeigten die Windprognosen deutlich erhöhte Werte im Tagesverlauf an. „Allein mit Ortswetter und Wolkengucken hätte man sich böse in die Bredouille gebracht“, warnte Volker. Es sei wichtig, die Großwetterlage und die großräumige Windverteilung, vor allem zwischen 900 – 3.000 m, zu kennen. Natürlich seien Punktprognosen hilfreich. „Aber bei der Auswahl eines aussagekräftigen Prognosepunktes braucht man viel Erfahrung und nicht nur die Postleitzahl!“, bekräftigte er. Zudem sei durch die Fokussierung auf bestimmte Gebiets-Hotspots, die Störungseinflüsse zur jeweiligen Wetterlage minimieren (z.B. Bassano bei Nordlagen, Brauneck bei Südlagen) eine deutliche Desensibilisierung gegenüber Wettergefahren und der Notwendigkeit einer soliden Wettervorbereitung zu verzeichnen.

 

The winner ist….

Der Höhepunkt des Sportlertages: Der Ehrung der Deutschen Meister 2017 im Streckenfliegen, der Pilotinnen und Piloten, die ein Jahr unermüdlich um den Sieg gekämpft haben. Der DHV-Vorsitzende Charlie Jöst und Sportvorstand Klaus Tretter gratulierten, die Sportler zollten gebührend Beifall. Ein paar Zahlen zu den beeindruckenden Leistungen: 4.664 Piloten reichten 108.757 Flüge ein. Davon erreichten 2.162 Flüge die 100 km Marke und mehr, 264 Piloten flogen über 200 km (198 Gleitschirm– und 66 Drachenflieger).

Mit seinen herausragenden Dreiecken erflog sich Sebastian Barthmes den Deutschen Meister in der Gesamtwertung. Auf Platz zwei Marcel Dürr und drei Tim Huber. Marcel Dürr gewann auch die Sportklasse. Auch er liebt kreative Routen, sein größter Flug ein FAI mit 241 km vom Brauneck; erst zum Venet, dann quer rüber bis ans Ende des Ahrntals und immerhin noch zurück bis zum Eingang des Zillertals. Die Zeiten, wo nur von Hochfelln, Osterfelder und Grente Rekorddreiecke geflogen wurden, sind definitiv vorbei. Tim Huber errang den zweiten Platz und den ersten in der Juniorwertung, auf drei kam Helmut Blaim. Seit Jahren Deutscher Meister ist Dietmar Siglbauer, diesmal wieder in der Standardklasse. Dahinter Hans Walcher (2) und Werner Schütz (3), beide bekannte Namen aus der Szene. 

Frauenpower

Schon mehrmals auf dem Treppchen stand Christin Kirst. Christin muss über außergewöhnliche Kondition verfügen, denn sie holte sich in drei aufeinanderfolgenden Tagen mit Flügen zwischen 8 und 9 Stunden ihren Deutschen Meistertitel. Brigitte Kurbel ist Zweite, Ramona Eckert Dritte. Stefan Lauth und Gattin Uli stellten einen neuen Deutschen Tandemrekord auf und sicherten sich die Deutsche Meisterschaft. Platz zwei für Hartmut Anding, drei für Wolfgang Nöhrig. Erwin Auer räumte im Flachland ab: Deutscher Meister und Gewinner des Deutschlandpokals. Samuel Blocher jeweils auf dem zweiten, in der Deutschen Flachlandmeisterschaft kam Sven Nissen auf drei, im Pokal Peter Hilger. Bester Verein wie im Jahr zuvor die Samerberger an der Hochries. Die Bundesliga gewann der Turnverein Bissingen, die zweite die Baiersbronner Drachen- und Gleitschirmflieger. Bester Newcomer ist Michael Dreher. 480 Flüge machte Funcup-Sieger Danny Oberender, auf zwei Antonio Jula, auf drei Eric Schröder.

Flexibel und Starr

Markus Ebenfeld und Patrick Ruber dominieren seit Jahren die Drachen-Streckenflugszene. Markus ist Deutscher Meister bei den Flexis und Patrick bei den Starren. Bei den Starren könnte sich was ändern, denn Patrick bastelt an einem Cage mit aerodynamischer Steuerung unterm Atos. Klappt das, rutscht er in die FAI-Klasse 2. Flexibel auf Platz zwei flog Gerd Dönhuber, auf drei Roland Wöhrle, beide holten die Bronzemedaille im Team bei der WM in Brasilia. Roland ist zudem noch Deutscher Meister im Flachen geworden und zweiter im Deutschlandpokal. Dirk Ripkens wurde dritter in der Deutschen Meisterschaft und im Deutschlandpokal. Auch Jochen Zeyher hat drei Titel errungen: Erster im Deutschlandpokal, Zweiter in der Deutschen Meisterschaft im Flachland und in der Deutschen Meisterschaft Starr, hier wurde Gernot Bächle Dritter. Deutsche Meisterin ist Corinna Schwiegershausen mit Carolin Geiser auf dem zweiten und Manuela Braun auf dem dritten Platz. Mit Turm flog Siegfried Zeller am weitesten, gefolgt von Timo Andree und Tom Becher. Kajo Claus ist bester Junior, Andreas Fronius bester Newcomer und die Ruhpoldinger wie jedes Jahr bester Verein. Die 1. Bundesliga geht an die Schwarzwälder, die 2. an die DASA in Ottobrunn. Viel Spaß hatte Timo Andree beim Gewinn im Funcup.

Spannend, informativ und unterhaltsam waren die Vorträge. Die Deutschen Meister persönlich zu treffen und mit ihnen zu feiern, war auch eine Reise nach Willingen wert.

Der Sportlertag in Bildern

Begehrte Trophäe
Deutsche Meister XC-GS-Damen Christin Kirst (1)
Deutsche Meister XC-GS Tandem Stefan Lauth mit Frau Uli
Deutsche Meister XC-GS Flachland vl. Samuel Blocher (2), Sven Nissen (3)
Bester Junior GS Tim Huber
Bester Newcomer GS Michael Dreher
Sieger Deutschlandpokal GS vl. Samuel Blocher (2), Peter Hilger (3)
Bester Verein GS Gleitschirmclub Hochries-Samerberg
Sieger 1. Bundesliga GS Turnverein Bissingen
Sieger Funcup GS vl. Danny Obernder (1), Eric Schröder (3)
Sportvorstand Klaus Tretter
Sieger 2. Bundesliga GS HG-GS Verein Baiersbronn
Deutsche Meister XC-HG-Damen Corinna Schwiegershausen
Deutsche Meister XC-HG-Flachland vl. Jochen Zeyher (3), Roland Wöhrle (1), Dirk Ripkens (3)
Sieger Deutschlandpokal HG vl. Roland Wöhrle (2), Jochen Zeyher (1), Dirk Ripkens (3)
Sieger Turmdrachen vl. Timo Andree (2), Siegfried Zeller (1), Tom Becher (3)
Bester Verein Delta Club Bavaria Ruhpolding
Sieger 1. Bundesliga HG HG und GS Club Südschwarzwald
Bester Newcomer HG Andreas Fronius
Sieger Funcup HG vl. Ines Zießau (2), Timo Andree (1)
Spaß am Sportlertag! Christin Kirst mit Ralph Schlöffel
"Bis zum nächsten Mail in Lenggries!", verabschieden sich (li) der DHV-Vorsitzende Charlie Jöst und Moderator Ralph Schlöffel