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Deutscher Hängegleiterverband e.V.

DHV

FAI/CIVL limitiert GS-Wettbewerbsklasse neu

Nach dem Desaster der letzten GS WMs (Tote und Abstürze, geringe Sicherheit der Wettkampfschirme) hatte sich der Weltverband FAI/CIVL von seiner Philosophie der Offenen Klasse verabschiedet. Im letzten Sommer, bei der EM in St. Andre, durfte erstmals nur noch mit EN-mustergeprüften GS geflogen werden. Die Befürchtung der Anhänger der Offenen Klasse, dass dies zu einem Stillstand in der Entwicklung führen würde, ist nicht eingetroffen. Ganz im Gegenteil hat die extreme Entwicklung der EN-D Geräte zu großen Befürchtungen aller verantwortlichen Akteure geführt. 

Zwar wurde die Verbesserung der Sicherheit wegen der indirekt durch den Flugtest erzeugten Geschwindigkeitsbegrenzung allgemein anerkannt. Faktisch können nur solche Gleitschirme den EN-D Flugtest bestehen, die nicht schneller als 58 km/h fliegen. Aber gleichzeitig werden  Wettkampfflügel mit immer höherer Streckung gebaut. Inzwischen hat der Boomerang 9 von Gin die EN-D Musterprüfung mit einer Streckung von 7.8 passiert. Der Schirm steht an der Tabellenspitze des PWC Finals.

Der Herstellerverband PMA forderte von der FAI/CIVL die Begrenzung der Streckung auf 7, weil eine höhere Streckung zu einer höheren Verhängergefahr führt. Die Unfallanalyse des DHV bestätigt, dass Gleitschirme mit hoher Streckung eher durch Verhänger auffallen. Zwar bestehen Gleitschirme, die bei der Musterprüfung Verhängertendenz aufweisen, den EN/LTF-Flugtest nicht. Aber Verhänger können leider in der Praxis auftreten, auch wenn sie beim Testflug nicht in Erscheinung getreten sind. Insofern ist die PMA-Forderung verständlich. Allerdings könnte der der PMA Vorschlag auch zu einer Benachteiligung der „high arc glider“ führen. 

Die FAI/CIVL folgte den Argumenten der PMA und hat bei ihrer Jahrestagung am 16. Februar 2013 in Lausanne die Einführung einer Wettkampfklasse mit der Streckungsbeschränkung 7 beschlossen.

Der Testpilot und Chef des Testhauses Air Turquoise, Alain Zoller, hatte kurz zuvor die Welt in seinem jüngsten Newsletter alarmiert, weil immer extremere Gleitschirme zum EN-Test angemeldet werden. Dies bringt eine besondere Gefährdung der Testpiloten mit sich, weil diese laut Norm nach Einklapper 3 Sekunden mit ihrer Pilotenreaktion warten müssen, damit sich zunächst das Schirmverhalten vollständig zeigen kann. Bei der FAI/CIVL ist man mehrheitlich der Auffassung, dass ein Wettkampfpilot bei einem Einklapper niemals 3 Sekunden mit seiner Reaktion warten würde und deshalb müsse man auch nicht untersuchen, wie sich der Schirm nach 3 Sekunden verhält.

Die PMA forderte gar, den Flugtest am besten gleich ganz abzuschaffen und die FAI/CIVL Arbeitsgruppe machte sich zunächst auch dies zu eigen. Nur aufgrund der Intervention der im Europaverband EHPU organisierten Verbände (siehe EHPU-Schreiben) kam schlussendlich ein Kompromiss zustande.

Für die neue EN-Wettkampfklasse gilt, dass neben den üblichen EN-D-Festigkeitstests auch die EN-D Flugtests erforderlich sind. Allerdings soll der Testpilot nur mehr 1 Sekunde nach dem Einklapper mit seiner Reaktion warten müssen. 

Die FAI/CIL hat anerkannt, dass es in vielen Ländern aus haftungsrechtlichen Gründen erforderlich ist, nur mustergeprüfte GS im Wettkampf zuzulassen. Die Anhänger der offenen Klasse freut das nicht. Aber sie stellen ohnehin nicht mehr die Mehrheit im Wettkampf-Pilotenlager. Dies zeigt eine weltweite Umfrage der FAI/CIVL. Darin haben sich 53% der in der CIVL-Weltrangliste Platzierten für EN-zertifizierte Schirme im Wettkampf ausgesprochen. Nur noch 18 % wünschen sich eine reine offene Klasse ohne jegliche Beschränkung.

Die FAI/CIVL wollte einerseits der Forderung nach mustergeprüften Schirmen nachkommen. Andererseits aber dem Argument begegnen, dass es nur wenige geprüfte GS für leichte Piloten gibt. 

Daher soll es bei der neuen EN-Wettkampfklasse für die Zertifizierung eines Gerätetyps ausreichen, dass die größte Version festigkeitsgeprüft ist. 

Dies soll die Zulassungskosten für kleinere Größen reduzieren. Verglichen mit dem Entwicklungsaufwand, der betrieben werden muss, um einen besonders leistungsstarken Schirm mit akzeptabler Sicherheit zu konstruieren, sind aber die reinen Zulassungskosten eher vernachlässigbar. 

Das größte Sicherheitsproblem im Gleitschirm-Wettkampf stellt die Tatsache dar, dass die FAI/CIVL ihre Wettkämpfe in Fluggeländen ausrichten lässt, die für starke Thermik und enorme Turbulenzen berüchtigt sind, wie bei der EM in St. Andre. Wie kaum anders zu erwarten war, gab es dort auch mit den mustergeprüften GS zahlreiche Abstürze. Nicht genug damit, dass die FAI/CIVL immer wieder Wettkämpfe in turbulentem Gebiet veranstaltet, ihr Reglement belohnt obendrein radikales Racing. Auch beim PWC entscheiden nur Sekunden über den Sieg.

Die PMA hatte daher vorgeschlagen und so ist es auch von der FAI/CIVL übernommen worden, künftig die Endanflugproblematik zu entschärfen. Sie löst aber nicht das Problem, dass in besonders starken Bedingungen auch schon vor dem Endanflug zwischen den Aufwinden Vollgas geflogen wird. Das verleitet offensichtlich die Wettkämpfer dazu, ihre Schirme zu manipulieren. Mit entsprechender Leinentrimmung lassen sich entscheidende extra km/h herausholen. Um dies zu verhindern, muss der Wettkampforganisator einen hohen Überprüfungsaufwand betreiben. 

Die PMA hat deshalb vorgeschlagen, die Maximal-Geschwindigkeit künftig auf 65 km/h zu begrenzen und die FAI/CIVL hat dem zugestimmt. 

Dahinter steht die Annahme, dass die heutigen Geräte-Polaren keinen Vorteil bringen, wenn man schneller als 60 km/h fliegt. Es gäbe keinen Anreiz für die Piloten, ihre Geräte so zu manipulieren, dass sie schneller als 65 km/h fliegen. Die Delegierten der FAI/CIVL, die das skeptisch sahen, waren deutlich in der Minderheit.

Wenigstens wurde ein Problem angepackt, das bisher durch die Musterprüfung nicht gelöst ist. In den Wettkämpfen wird ausschließlich mit Liegegurtzeugen geflogen. In der Musterprüfung aber nicht. 

Die neue von der FAI/CIVL beschlossene Wettkampfnorm wird deshalb beinhalten, dass die Testflüge mit den im Wettkampf üblichen Gurtzeugen erfolgen.

Eine weitere Verbesserung dürfte der FAI/CIVL Beschluss bewirken, dass ab 1.1.2014 in FAI Kategorie 1 Wettkämpfen nur mehr mit Rettungsgeräten geflogen werden darf, die mit der rechten Hand, aber auch mit der linken Hand leicht auszulösen sind. 

Dies wird in der Praxis dazu führen, dass entweder zwei Rettungsgeräte mitgenommen werden oder Konstruktionen auf den Markt kommen, die das Auslösen des einen Rettungsgerätes verbessern. Bei FAI/CIVL Wettkämpfen waren zahlreiche Vorfälle beobachtet worden, in denen hohe g-Belastungen oder die mechanische Blockierung eines Armes das Auslösen des Rettungsschirms verhinderten. 

Die Übergangszeiten, welche die FAI/CIVL bis zum Inkrafttreten der neuen Beschlüsse festgelegt hat, sind kritisch diskutiert worden. Wenn man die Wettbewerbsklasse aus Sicherheitsgründen für erforderlich hält, warum wird sie dann nicht schneller eingeführt?

Der Weltverband wollte den Herstellern ausreichend Zeit für die Entwicklung ihrer Produkte geben, außerdem kann die Einführung der neuen zusätzlichen Wettkampfklasse in der EN und LTF nicht kurzfristig gelingen.

Die Piloten können also ihre EN-D Wettkampfflügel im laufenden Jahr und im nächsten Jahr noch nützen. 

Ab 1.1.2015 dürfen EN/LTF-zertifizierte GS mit Streckung höher als 7 in FAI/CIVL Kategorie 1 Wettkämpfen nicht mehr eingesetzt werden. 

Bei der Weltmeisterschaft 2013 in Bulgarien und bei der darauf folgenden EM werden wir die Streckungs-Superorchideen noch fliegen sehen. Hoffentlich ohne schlimme Verhänger-Vorfälle.

Die EN-D- Klasse könnte nach Einführung der zusätzlichen EN-Wettkampfklasse stark an Interesse verlieren. Es sind schon heute nur wenige Piloten, die solche Gleitschirme kaufen. Die FAI/CIVL will ab Einführung der Wettkampfklasse in einem 2-Jahresturnus überprüfen, ob Anpassungen erforderlich sind.

Ob die neue Wettkampfklasse ein ausreichendes Sicherheitsniveau bewirken wird, muss die Zukunft zeigen. Es ist jedenfalls beeindruckend, dass es der FAI/CIVL diesmal gelang, die Vorstellungen des Europaverbandes EHPU, der immerhin 100.000 Piloten repräsentiert, mit den konträren Vorstellungen anderer Länder und Kontinente und mit den Interessen des Paragliding World Cups und des Herstellerverbandes PMA in einem Kompromiss zusammen zu führen. 

Beschluss der FAI/CIVL zur Einführung einer neuen GS Wettbewerbsklasse