X
Deutscher Hängegleiterverband e.V.

DHV

I believe I can fly – Gleitschirm aufschütteln und los…

„Wind passt. Und laufen, laufen, laufen, laaaaaaaufen...“. Formvollendet schwebt ein Schirm mit psychedelischer Tattoo-Optik auf dem Untersegel gen Chiemsee. Ein inbrünstiges „Jippie!“ echot durchs Tal, während sich die wobbeligen Knie des Flugschülers langsam entspannen. Die Luft ist textilhaltig an diesem Nachmittag am Unterberghorn in Kössen: Trauben rechteckiger Gleitschirme in kreischenden Unfarben, die man – abgesehen von einigen Skianzug-Relikten – seit den 80er Jahren für ausgestorben hielt, bevölkern die Aufwindbänder unter den Schäfchen-Wolken, die niedlich in der Tiroler Frühlingssonne glitzern. Noch sieben weitere Flugschüler und ein ansehnliches Grüppchen Freiflieger lagern in den Grasmulden um den Startplatz und warten – auf den perfekten Wind, das Okay des Fluglehrers oder darauf, dass der Kaiserschmarrn verdaut und die mittägliche Bettschwere verflogen ist, während sie gucken, kommentieren, sich braunbrutzeln oder gestikulierend das neuste Flieger-Latein austauschen. „Parawaiting“, grinst ein Vollbärtiger.

In diesem Meer aus Funktionskleidung, Bergklamotten und mutierten Strampelanzügen ähnelnden Flieger-Overalls übersieht man leicht, dass hier Postbote neben Top-Manager, Teenie neben Rentnerin und Iron Man neben Gelegenheitssportler lagern. Gleitschirmfliegen ist massentauglich geworden. Fast absurd, dass alles, was man dafür braucht, inzwischen in einen gut befüllten, um die 17 Kilo schweren Hochtourenrucksack passt. Der Traum vom Fliegen, ganz Bayerische-Oberlandbahn-kompatibel...

Unten am Landeplatz herrscht Biergartenatmosphäre. Eine pink angepinselte Antonov-AN2 ist Deko der „Flieger-Bar“, einem Sammelsurium aus Sonnenschirmen und Biergartengarnituren. Auf dem Grill brutzelt „Fliegersteak“ – wahlweise vom Rind, Schwein oder Lamm – zu letzterem gibt’s grünglibberige Minzsoße. „Fliegen ist ein Gesamtpaket“, mümmelt Altflieger Rudi zwischen zwei Gabeln Kartoffelsalat hervor „Deshalb fahren so viele Münchner gern nach Kössen: Fesche Natur, nette Leut‘, mehr als 300 fliegbare Tage im Jahr und das saftigste Fliegersteak Tirols.“. Hinter ihm zischt gerade ein Drachen über einen überdimensionierten neongelben Schaumstoffwürfel. Wer darauf punktlanden kann, bekommt ein Freigetränk – natürlich alkoholfrei, denn die Auflagen fürs Fliegen sind härter als die fürs Autofahren. „Fliegen kann man fast überall auf der Welt, aber München ist schon ein El Dorado“, ergänzt der schmächtige Stefan, „Da hat man in weniger als 1 ½ Autostunden so sensationelle Fluggebiete wie das Brauneck, denn Wallberg, die Hohe Salve, die Choralpe oder eben das Unterberghorn um sich rum.“

Die Ausbildung

Über 100 Gleitschirm-Flugschulen – davon allein 31 in Bayern – sind in Deutschland aus dem Boden geschossen und grundsätzlich kann man den vom Deutschen Hängegleiterverband DHV ausgebildeten und geprüften Lehrern überall vertrauen. Eine Datenbank zur Flugschulsuche gibt’s online unter: www.dhv.de/web/fliegenlernen/gleitschirmfliegen/fliegen-lernen/flugschulen/flugschuldatenbank/. 

Welche Schule darüber hinaus mit Qualitätsmanagement glänzt, Fluglehrer mit Zusatzqualifikationen beschäftigt und sich strengen Standards unterwirft, darf sich „DHV Performance Center“ nennen, also quasi Profi-Gleitschirmschule. Mit diesem Extra-Gimmick locken in Bayern beispielsweise die Süddeutsche Gleitschirmschule in Unterwössen bei Traunstein, die Flugschule Chiemsee in Aschau, die Gleitschirmschule Tegernsee in Reitrain, Freiraum – Luftikus in Ruhpolding, die oberallgäuerischen Flugschulen Martin Mergenthaler in Sonthofen und OASE in Obermaiselstein sowie die DAeC Gleitschirmschule in Rieden am Forggensee und das Flugzentrum Bayerwald in Wörth an der Donau.

Um seine Luftraum-Vereinbarkeit zu checken ist ein Tandemflug sicher nicht der schlechteste Einstieg. Den kann man in der Regel über alle Flugschulen und häufig auch direkt an den Bergbahnen buchen. Um die 100 Euro kostet ein Flug – oft kommt die Bergfahrt noch separat dazu: Die Preise sind je nach Berg sehr unterschiedlich, im Schnitt kann man weitere 10 Euro dafür veranschlagen.  In der Länge variieren Tandemflüge stark nach Wetter und Höhe des Berges, irgendwas zwischen 15 und 60 Minuten ist realistisch. Geheimtipp: Wer den letzten Flug des Tages bucht, hat die Chance auf ein extralanges Erlebnis, da sich der Pilot für keine weiteren Gäste zu beeilen braucht!

Wer Blut geleckt hat, kann mit einem Schnuppertag oder Schnupperwochenende weiterflattern. Das bieten eigentlich alle Flugschulen an, und für den endgültig Flugfieberinfizierten lässt sich das Geschnuppere direkt in den Grundkurs überführen und auf diesen anrechnen.

Wer Angst hat, sich im Grundkurs gleich von waghalsigen Höhen stürzen zu müssen, sei beruhigt: Hier geht’s erstmal um fundierte Start-, Lenk- und Landetechnik. Und bevor man bei den schweißtreibenden Runden vom Übungshang realisiert, dass man abgehoben hat, nähert sich schon wieder bedrohlich schnell der Boden zur Landung – der ein oder andere Bauchpflatscher ist unvermeidlich! Bei den ersten Theorieeinheiten kommt auch das Gehirn in Action. Je nach Wetter und Geschicklichkeit kann man drei bis sieben Tage für den Grundkurs einplanen.

Aufregend wird’s in der Höhenflugschulung: 40 Flüge mit mindestens 300 Meter Höhenunterschied zwischen Start und Landung sind gefragt, da wird schon mal kurz das Knie zum Wackelpudding. Jeweils ein Fluglehrer an Start- und Landeplatz hält mittels Funk virtuell Händchen. Außerdem werden mindestens 25 theoretische Stunden Flugtechnik, Wetterkunde, Technik und Luftrecht serviert.

Nach welchem Konzept die Flugschulen das Höhenflugtraining anbieten, ist unterschiedlich: einige – wie zum Beispiel die Flugschule Tegernsee oder die Adventure Sports Gleitschirmflugschule am Brauneck bieten die Schulung en bloc zu festen Terminen an. Vorteil: Gut für Leute, die länger am Stück Urlaub haben und in verhältnismäßig kurzer Zeit ihren „Schein“ machen wollen. Nachteil: Das Wetter kann einem gehörig den Spaß verhageln, und dann muss man an paradiesischen Flugtagen däumchendrehend auf den Nächsten Schulungsbeginn warten. Ein anderes Konzept verfolgt zum Beispiel die Süddeutsche Gleitschirmschule in Unterwössen: Hier wird an jedem fliegbaren Tag geschult. Vorteil: Münchner können freien Tag für freien Tag ihre Flug- und Theoriestunden zusammensammeln, kein Zeitdruck, mehr Spontaneität. Nachteil: Morgens wird meist am Grundkurs-Übungshang geschult, erst nachmittags finden die Höhenflüge statt. Wer also noch keine Erlaubnis zu eigenständigen Trainingsflügen hat, kann weniger Höhenflüge pro Tag durchführen. So und so kommt man aber während der Ausbildung schon viel zum fliegen – kein Grund zur Hetze, die Prüfung legt ab, wer sich sicher fühlt!

Ein bisschen erinnert die abschließende Prüfung zum „beschränkten Luftfahrerschein“ an den Führerscheintest: Abnahme von Start, einer geflogenen Acht und Landung in der Praxis und Multiple Choice Fragen zu Flugtechnik, Wetterkunde, Technik und Luftrecht in der Theorie. Mit diesem Scheinchen in der Tasche darf man bereits an allen zugelassenen Flugbergen kreisen. Für die gesamte Ausbildung inklusive Grundkurs kann man um die 1.000 Euro rechnen, viele Flugschulen bieten Sonderangebote ab circa 800 Euro an, wenn man Grundkurs und Höhenschulung gemeinsam bucht. Unbestritten ist Gleitschirmfliegen insgesamt die kostengünstigste Flugsportart.

Wer auch dann noch nicht genug hat, der kann – nachdem ordentlich Flugroutine gesammelt wurde – noch den „unbeschränkten Luftfahrerschein“ erarbeiten, der zu Überlandflügen berechtigt. Dazu müssen Nachweise über 20 Alleinflüge mit Flugzeiten über 30 Minuten und mindestens 500 Metern Höhenunterschied erbracht, Flugübungen abgestottert und ein Überlandflug über 10 Kilometer nachgewiesen werden. Auch eine zusätzliche Portion Theorie in Navigation, Luftrecht und Meteorologie hat man sich einzuverleiben.

Die Ausrüstung

Für die ersten Tage der Ausbildung bekommt man die Ausrüstung von der Flugschule gestellt, danach kann man zwischen Leihausrüstung und Kauf wählen – oft kann man mit der Flugschule ordentlich Preise dealen, wenn man beispielsweise eine Leihausrüstung nachträglich abnimmt oder einen neuen Schirm über die Schule bestellt. Auf jeden Fall sollte man testen, testen, testen! Der Flugspaß erhöht sich mit einem Gerät, das zu einem passt, um ein Vielfaches! Für ein neues Komplettset aus Gleitschirm, Gurtzeug, Rettungsfallschirm und Helm zahlt man ab 2.700 Euro, gebraucht geht’s auch drunter, aber man sollte sich auskennen...

Gleitschirm- oder Drachenfliegen?

Gerne werden die die lustigen bunten Rechtecktücher des Gleitschirmschirms mit dem robusten Dreieck des Drachens verwechselt, wobei der Gleitschirm den Hängegleiter in den letzten Jahren immer mehr verdrängt hat. Die Gründe dafür sind simpel: Gleitschirmfliegen ist einfacher zu lernen, landen kann man zu Not auch in einem mittelgroßen Vorgarten, der Schirm ist zackig ein- und ausgepackt und das geringe Gewicht und knuffige Packmaß erlauben problemlos längere Bergtouren mit Fluggerät. Auch die Anreise zum Fluggebiet gestaltet sich mit den kleinwagen- und zugkompatiblen Schirmchen bequem. 

Der Drachen ist starr und sperrig, selbst im Kurzpackmaß lässt sich auf Auto und Bergbahn schwerlich verzichten und der Umgang mit den rasanten Kisten will wahrlich gelernt sein. Dafür ist der Drachen – einmal in die Luft gebracht – gegenüber dem Gleitschirm der König: Seine Gleitleistung ist bis zu doppelt so hoch. Während der Gleitschirm bei ruhiger Luft mit 35 km/h daherdümpelt, kann ein Drache Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h erreichen. Kurz: Gleitschirm ist das Moped der Lüfte, Drachen das Motorrad.

Maria Goeth