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Deutscher Hängegleiterverband e.V.

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Der Leitfaden zum Schutz des Steinadlers in den Alpen

Uli Brendel, Rolf Eberhardt, Karin Wiesmann-Eberhardt, Werner d’Oleire-Oltmanns; Hrsg. Nationalparkverwaltung Berchtesgaden, 2000:

11 Leitsätze zum Schutz des Steinadlers in den Alpen:

1) Der Steinadler (SA) gehört in den Alpen nicht zu den aktuell, sondern zu den potenziell gefährdeten Tierarten.

2) Eingriffe im Horstbereich bzw. den Jagdgebieten des SA können eine Gefährdung für diese Tierart in den Alpen hervorrufen.

3) Der Erhalt seiner bedeutendsten Lebensraumbereiche (=Jagdgebiete) ist neben dem Schutz seines Horstbereichs das wichtigste Kriterium für die langfristige Sicherung einer vitalen SApopulation im Alpenraum.

4) Räumliche Verteilung und Größe geeigneter Jagdgebiete bestimmen in hohem Maße die Lebensraumqualität für den SA.

5) Aufwindgebiete und deren räumliche Vernetzung mit den geeigneten Jagdgebieten sind vor allem während der Wintermonate Schlüsselfaktoren für die Lebensraumeignung. Unter ungünstigen Voraussetzungen können diese im Winter einen limitierenden Faktor darstellen.

6) Vorkommen und Erreichbarkeit seiner wichtigsten Beutetierarten sind eng mit dem Reproduktionserfolg des SA verknüpft.

7) Störungen in den Jagdgebieten wirken überwiegend indirekt auf den SA, da sie vor allem das Raum-Zeit-Verhalten seiner Beutetiere beeinflussen.

8) Störungen im Horstbereich haben je nach Zeitpunkt im Brutverlauf eine unterschiedlich negative Auswirkung auf den Bruterfolg.

9) Störungen im Horstbereich lassen sich am besten durch Kooperation von Naturschutz und Nutzergruppen vermeiden bzw. auf ein unproblematisches Maß reduzieren.

10) Selbstregulationsmechanismen sorgen auch ohne menschliches Zutun für einen vitalen SAbestand in den Alpen.

11) Seine Lebensweise (=Ökologie) macht den SA zu einer bedeutenden Leitart für offene und halboffene Landschaften der Alpen und damit zu einem idealen Indikator für den Qualitätszustand dieser Lebensräume bzw. deren Arteninventar.

Daraus ergibt sich folgende Zielsetzung des Leitfadens:

Um den SAbestand der Europäischen Alpen langfristig sichern zu können, müssen die Voraussetzungen sowohl zum Erhalt der bedeutendsten Lebensräume dieser Tierart wie auch zum Schutz seines Horstbereichs erhalten bleiben.

Die Analyse von SA-Lebensräumen und –Revieren:

Die Siedlungsdichte hängt ab von der Lebensraumqualität und Kammerung (=Anzahl der Geländekanten in einem bestimmten Gebiet). Nicht das Nahrungspotenzial sondern vielmehr die räumliche Verteilung von Jagd- und Thermikgebieten ist derzeit der entscheidende Faktor für die Verbreitung des SA. Die Störung des SA durch den Menschen erfolgt vorwiegend sekundär durch Beeinflussung seiner Beutetiere.

Von besonderer Bedeutung ist die Störung des Horstbereichs durch Menschen in der kritischen Phase der Aufzucht der Jungen (Mitte März bis Ende Juli). Dazu zählen Störungen durch sportliche Tätigkeiten (wie z.B. Flugsport, Klettern) aber auch forstliche und jagdliche Maßnahmen oder Hubschrauberflug. Als besonders sensibel gilt der unmittelbare Horstbereich (0-100m).

Drachen- und Hängegleiterflüge im Tertiärbereich (300-500m) haben geringes Störpotenzial, wenn es sich um vielbeflogene Gebiete mit Gewöhnungseffekten beim SA handelt, wenn es sich um Flüge nach der Abhängigkeit des Jungvogels handelt (Alter des Jungvogels mind. 40 Tage, ca. Ende Juni) und bei Girlandenflug des SApärchens vor der Brutwand der Flieger sofort abdreht.

Ökologische Grundlagen zum SA:

Zahl der Brutpaare im Alpenraum Anfang des 21. Jhdt. ca. 1100 (allein in Deutschland ca. 50).

Erkennung im Gelände:

Lange, relativ schmale, brettartige Flügel. Auffällige Verengung im Bereich des Flügelansatzes. Spannweite Männchen (Terzel) ca. 200cm, Weibchen 220cm. Mittellanger Schwanz, vorstehender Kopf. Erwachsene Vögel einfarbig dunkelbraun, Jungvögel viele weiße Gefiederflecken und nahezu weißer Schwanz. Auffällig ist der Girlandenflug (vorwiegend durch Terzel) zur Paarbindung und Revierabgrenzung.

Nahrungsspektrum:

Die kleineren Terzel jagen überwiegend leichte, wendige Beutetiere, während die Weibchen sich auch an schwere Tiere heranwagen. Beutetiere sind: Gämsen, Rehe, Alpenschneehasen, Birk- und Alpenschneehühner, Murmeltiere, Rotfüchse aber auch Aas. Der SA ist ein Nahrungsopportunist, d.h. er nutzt diejenigen Beutetiere am intensivsten, die auch am häufigsten vorkommen.

Lebensraum:

Reviergröße (Territorien) zw. 30 und mehr als 100km2. Bevorzugte Jagdgebiete sind die offenen und halboffenen Bereiche zw. der montanen und hochalpinen Stufe. Entscheidend für den SA ist, ob auch im Winter ausreichend Nahrung und Thermikbereiche vorhanden sind.

Brutbereich:

Jedes Paar besitzt mehrere Ausweichhorste, sogenannte Wechselhorste, die abwechselnd benutzt werden. Auswahlkriterium für den jeweils aktuellen Horst scheinen der Störungsgrad und Befall von Parasiten aus dem Vorjahr zu sein. Horststandorte sind Felsspalten, -nischen, -halbhöhlen, -simse am besten geschützt unter natürlichen Überhängen. Die Horste werden fast ausnahmslos einige hundert Meter über dem Talboden, aber immer unterhalb der Jagdgebiete angelegt. Dadurch kann die Beute energiesparend eingetragen werden. Alternativ werden auch Baumhorste angelegt und über Jahre hinweg genutzt.

Der Brutbereich ist die „sensible Zone“ des SA. Störungen wirken sich sehr negativ auf den Bruterfolg aus. Daher haben auch Gebiete mit hohem Zuflug von revierlosen Einzeladlern geringe Fortpflanzungsraten. Die Männchen beteiligen sich mit ca. 20% an der Bebrütung des Geleges. Wird das Gelege weniger als 90% des Tages umsorgt, ist eine erfolgreiche Brut unwahrscheinlich. 30min. Abwesenheit können ausreichen, dass die Eier zu stark auskühlen oder z.B. Kolkraben zum Opfer fallen. Der SA brütet nur einmal pro Jahr.

Sterblichkeit und Populationsdynamik:

SA werden mit ca. 5 Jahren geschlechtsreif und erreichen ein Alter von über 20 Jahren. Die durchschnittliche Überlebensrate bis zur Geschlechtsreife beträgt 15%. Vor allem der erste Winter ist für Jungadler ein kritischer Zeitraum, den viele nicht überleben. Ausgewachsene SA haben unter natürlichen Bedingungen eine jährliche Überlebensrate von ca. 95%.

Entscheidend für die Brutbereitschaft ist die Strenge des vorhergehenden Winters. Die Gelegegröße beträgt 2, in Ausnahmefällen bis zu 3 Eier.

Der SA und seine Bedeutung:

Für den Lebensraumschutz, wie auch für den Naturschutz in den Alpen generell, wird in Zukunft die Entwicklung von langfristigen Konzepten für besonders wichtige Lebensräume eine übergeordnete Bedeutung haben. In diesem Zusammenhang kommt geeigneten „Zeigerarten“ eine entscheidende Rolle zu. Der SA ist auf Grund seiner Lebensweise als Zeigerart offener und halboffener Regionen der Alpen besonders geeignet.

Moderne Entwicklungen im Alpin-Tourismus:

Neben dem allgemeinen Tourismus durch Erholungssuchende ist in den letzten Jahren in den Alpen besonders der Freizeitdruck durch die sogenannten „Natur- oder Trendsportarten“ (Gleitschirm- und Drachenfliegen, Mountainbiking, Canyoning, Klettern u.a.) stark angestiegen. Diese Sportarten können u.U. massive Störungen für verschiedene Wildtierarten darstellen. Die Entstehung von Touristenzentren, die großflächige Erschließung von Skiregionen, das Anbringen von Lawinenverbauungen, die Anlage von Großparkplätzen und Gipfelstationen haben neben der Zerstörung der traditionellen Wirtschafts- und Kulturformen auch einschneidende ökologische Veränderungen zur Folge. Durch die Nutzungsänderung verändert sich auch die Vegetation und damit der Lebensraum alpiner Tierarten. In Zukunft wird es deshalb darauf ankommen Lebensräume in ihrer Gesamtheit zu schützen, um eine weitere Verinselung von Lebensräumen oder deren Zerstörung zu verhindern.

Nur die Einbeziehung aller beteiligten Personengruppen kann in den Alpen ein harmonisches Miteinander von Mensch und Tier für die Zukunft gewährleisten.