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Deutscher Hängegleiterverband e.V.

DHV

Ikarus und die Wildtiere

(Grundlagenstudie zum Thema Hängegleiten, Gleitsegeln und Wildtiere); Albin Zeitler, Bertram Georgii; Hrsg. Wildbiolog. Gesellschaft München e.V., Juli 1994:

Ziele:

-Erarbeitung einer sicheren Wissensbasis über die Auswirkungen des Hängegleitens und Gleitsegelns auf Wildtiere.

-Aufzeigen von Lösungsansätzen für ein konfliktfreies Miteinander von Wildtieren und Flugbetrieb

-Bereitstellung wildbiolog. und naturschutzfachlich begründeter Entscheidungshilfen für die Zulassung von Fluggeländen.

Die Verhaltensweisen der Wildtiere gegenüber Drachen- und Gleitschirmfliegen können dabei in 3 Kategorien eingeteilt werden:

1) Die Tiere setzen ihr Verhalten fort und verbleiben vor Ort.

2) Die Tiere weichen langsam in nahe gelegene, deckungsreichere Gebiete aus, von wo aus sie innerhalb etwa einer Stunde wieder an ihren vorherigen Standort zurückkehren.

3) Die Tiere flüchten in hohem Tempo und z.T. über weite Strecken in Deckung bietende Bereiche und kommen erst nach mehreren Stunden oder erst am nächsten Tag wieder zurück.

Dabei konnte festgestellt werden, dass die Reaktionen nicht allein auf den plötzlichen Reiz des Auftauchens eines Fliegers erfolgten, sondern in engem Zusammenhang mit der Flugintensität (regelmäßig, gelegentlich bzw. selten überflogen), der Raumstruktur (wenig bis stark gegliedert) und der Vegetation (z.B. Anteil von alpinen Matten, Krummholz oder Wald) standen.

Im Mittelpunkt der Studie standen Gämsen und Rothirsche, ergänzt durch einzelne Beobachtungen an Steinadler und Birkhuhn.

Ergebnisse:

Von 180 beobachteten Reaktionen auf das Erscheinen von Drachen oder Gleitschirmen entfielen 135 (75%) auf die Verhaltensweise Verweilen vor Ort, 36 (20%) auf Ausweichen und nur 9 (5%) auf Flüchten.

In Fluggebieten, die regelmäßig und seit vielen Jahren beflogen werden überwogen Beobachtungen „ohne äußerlich erkennbare Reaktionen“. Die Tiere verblieben sogar nach einem Sichern in 95% der Fälle auf der Fläche.

In gelegentlich beflogenen Gebieten reagieren die Tiere wesentlich empfindlicher. In 45% der Fälle wichen die Gämsen und Rothirsche kurzzeitig in Deckung bietende Bereiche aus, bei 5% der Beobachtungen flüchteten sie in Gräben oder Waldpartien. In 50% der Fälle verblieben die Tiere auf der Fläche.

In selten beflogenen Gebieten, die nur für Streckenflüge genutzt werden, flüchteten Gämsen bei 80% der Beobachtungen, 12% wichen in andere Areale aus und nur 8% der Fälle verblieben an ihrem Standort. Rothirsche reagierten sogar bei 98% der Begegnungen durch Flucht.

Beim Rotwild konnten zudem auch Unterschiede zw. den Geschlechtern festgestellt werden. Erwiesen sich die männlichen Tiere als wesentlich toleranter gegenüber Störungen, so reagierten weibliche Tiere mit ihren Kälbern größtenteils mit Flucht in tiefer gelegene Waldflächen. Diese Störungen waren z.T. sehr nachhaltig und hielten über mehrere Stunden an.

Bei Gämsen konnte schon innerhalb weniger Tage bei wiederholten Begegnungen mit Drachen- und Gleitschirmen ein Gewöhnungseffekt festgestellt werden. Dieser äußerte sich in zunehmend geringer Fluchtdistanz mit rascher Rückkehr in das zuvor betretene Gebiet.

Geländestruktur:

Als wesentliche Erkenntnis konnte festgestellt werden, dass beim Aufenthalt der Tiere auf Weideflächen in reich gegliederten Hängen, mit vorhandenen Deckungsmöglichkeiten hinter Gebüschen und Bäumen kaum Reaktionen hervorgerufen wurden. Wurden dieselben Gamsrudel in exponiertem Gelände, z.B. an Graten, Geländekanten oder offenen Alpweideflächen überflogen, reagierten sie deutlich durch Ausweichen, einzelne auch durch Flucht.

Flughäufigkeit:

Die Ergebnisse aus den selten beflogenen Gebieten dürfen nicht überwertet werden. Die Streckenflüge finden auf Grund der Wetter- und Windbedingungen und hohen Anforderungen an die Piloten nur an wenigen Tagen im Jahr statt.

75% der Flüge betreffen räumlich und zeitlich gut abgrenzbare Gebiete. Etwa 20% spielen sich im erweiterten Gleitwinkelbereich, also abseits solcher Routen ab. Nur ca. jeder 20. Flug führt auf Strecke mit dem Schwerpunkt von Mai bis August und v.a. am Nachmittag.

Überflughöhe und Überflugdauer:

In regelm. beflogenen Gebieten liegt die kritische Überflughöhe für Gämsen und Rothirsche bei weniger als 100m, selten auch bei weniger als 50m. Ausschlag gebend für so viel Toleranz der Tiere ist die rasche Erreichbarkeit von Deckung und, dass die Tiere zügig überflogen werden.

In den anderen Fluggebietskategorien waren erst Überflughöhen von ca. 150m problemlos.

Neben der zu geringen Überflughöhe erwies sich auch das zu lange Verweilen der Piloten über den Wildtieren als problematisch. Beispielsweise nach Talsprüngen, wenn die Piloten durch lang anhaltendes Kreisen versuchten, wieder Höhe zu gewinnen, konnten wiederholt Fluchtreaktionen beobachtet werden.

Flugbetrieb, Wanderer und Jagd:

In Gebieten, in denen neben dem Flugbetrieb auch noch Wanderer unterwegs sind, konnten folgende Erfahrungen gesammelt werden. Gämsen mieden Bereiche mit Wanderwegen. Da idR. Wanderer 2 Stunden früher auftauchten als Drachen- und Gleitschirmflieger, führte das in etlichen Fällen zum Ausweichen der Tiere in weniger frequentierte Areale längst bevor die ersten Piloten gestartet waren.

In Gebieten mit sehr dichtem Wegenetz (mehr als 3km auf 100ha) können die Tiere nur bedingt ausweichen. Dies führt zu empfindlichen Reaktionen, wenn gleichzeitig Wanderer und Drachen-/Gleitschirmflieger unterwegs sind.

Die Annahme, dass hoher Jagddruck die Wildtiere empfindlicher gegenüber dem Flugbetrieb macht, hat sich nicht bestätigt. Jedoch zeigten die Gämsen und Rothirsche starke Fluchtreaktionen beim Auftauchen von Wanderern. Umgekehrt wird deshalb die Jagdausübung weit weniger durch den Flug- als durch den Wanderbetrieb gestört.