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Deutscher Gleitschirm- und Drachenflugverband e.V.

DHV
12.09.2008

Windenhersteller präsentierten beim Flight Festival in Warstein ihre neuesten Modelle

Neue Windengeneration in Warstein vorgestellt. Auf dem Windenmarkt ist seit dem Flight Festival in Warstein nichts mehr, wie es einmal war: Die Firmen Auto Kirchner und Mohaupt präsentierten ihre frisch zugelassenen Modelle "K6" und "Quattro Power" mit neuer Technik.

Bei der Anschaffung müssen die Kunden zwar in beiden Fällen etwas tiefer als bisher in die Tasche greifen, sollen dafür aber mit deutlich geringerem Verschleiß und in Folge niedrigeren Kosten pro Schlepp entschädigt werden.

Der eigentliche Gewinn liegt jedoch in der zusätzlichen Sicherheit. Wenn Martin Schaffer und Boris Sassenrath ihre Elektrowinde "Elwisa" anbieten, werden im Kundengespräch auch diese Punkte angesprochen.

Alle Modelle verzichten auf ein Bauteil, das in der Vergangenheit immer wieder Probleme machte: Das Differenzial. Beim Auto sorgt es dafür, dass das kurveninnere Rad langsamer dreht, als das kurvenäußere. Der Windenfahrer fährt gewissermaßen eine Kurve, die beim Auto niemals vorkäme: Während das Rad auf der einen Seite steht, dreht das auf der anderen mit doppelter Geschwindigkeit. "Das verursacht natürlich einen hohen Verschleiß", erklärt Horst Barthelmes vom Schleppbüro des DHV.

Das eigentliche Problem liegt jedoch darin, dass dieses auf den Betrieb von Kraftfahrzeugen abgestimmte System im Fluggelände zu träge reagiert.

Schiebt eine Böe den Piloten in der Luft nach hinten, spürt er diese Lastspitze deutlich. Ist die Regelung der Winde träge – wechselt sie also nicht schnell genug vom Einzug- in den Ausgabebetrieb – kann bei einem starken Windstoß die Sollbruchstelle zerreißen. "Durch den Wegfall des Differenzials und die Modifikationen am Getriebe reduzierten sich die Regelmassen erheblich. Dadurch reagieren diese Winden im Regelverhalten deutlich schneller", betont Barthelmes.

Möglich wird der reibungsarme Wechsel von der Drehrichtung zur Winde in die des Piloten durch eine geänderte Kraftübertragung.

Die Firmen Mohaupt und Auto Kirchner entwickelten unabhängig voneinander das gleiche System: Die Motorkraft wird jetzt nicht mehr über die Zahnräder im Inneren eines Differenzials auf die beiden Trommeln übertragen. Eine Kette / ein Zahnriemen treibt stattdessen eine zentrale Welle an, auf der die Seiltrommeln laufen. Die jeweilige Betriebstrommel wird einzeln ein- und ausgekuppelt.

Weil beide Hersteller viel Zeit und Arbeit in die Entwicklung des Systems steckten, möchten sie nicht veröffentlichen, wieso die Welle so flexibel auf Richtungsänderungen reagiert. Wichtig für Ihre Kunden sind die erhöhte Sicherheit und die Kostenersparnis bei der Wartung der Winden. "Dazu kommt der geringere Spritverbrauch, weil die Seile jetzt bei ausgeschaltetem Motor ausgezogen werden können", erklären Dieter Kirchner und Bernd Mohaupt.

Wer nun denkt, die beiden Windenbauer hätten in Warstein zwei nahezu identische Winden präsentiert, der irrt. Gegen die Zweitrommel-Winde von Auto Kirchner wirkt das weltweit einzige Exemplar mit vier Trommeln von Bernd Mohaupt fast gigantisch. Einen ähnlichen Eindruck bekommt man allerdings auch vom Preis.

"Die Quattro Power wird mindestens doppelt so teuer sein, wie eine Zweitrommelwinde", verrät Mohaupt. Genaue Zahlen wollen beide Hersteller nicht nennen, "weil das ja auch Verhandlungssache ist". Dem doppelten Preis stellt Mohaupt eine erhöhte Wirtschaftlichkeit gegenüber: "Da ich vier Schleppseile gleichzeitig ausziehen kann, fährt der Seilrückholer nur noch halb so viele Kilometer." Bei so viel Seil sollte die Schleppstrecke dann allerdings schön gerade sein. Für Flugschulen mit viel Schleppbetrieb könnte sich das nach Meinung von Bernd Mohaupt durchaus lohnen: "Weil ich nicht zu hoch greifen möchte, sage ich meinen Kunden immer, dass meine Viertrommelwinde eine um 30 Prozent erhöhte Leistung hat."

Da sich Diesel- und Benzinpreise mittlerweile schon fast nicht mehr unterscheiden, führt Mohaupt zusätzlich den geringeren Verbrauch des Selbstzünders ins Feld. Wer kurzfristig eine neue Winde von ihm haben möchte, muss allerdings noch die "BM 1" mit der alten Differenzial-Technik in Auftrag geben. Die Quattro Power hat eine Lieferzeit von einem Jahr. Immerhin kann das bisher einzige Modell nach Rücksprache mit dem Hersteller ab sofort in der Flugschule "Flatland Paragliding" von Peter Nitsche ausprobiert werden.

Ruckzuck geht dagegen der Sprung in das neue Windenzeitalter mit der "K6" über die Bühne. "Wir liefern innerhalb von zwei Monaten", versprechen Dieter Kirchner und sein Sohn Rico. Zwei Stück haben die beiden bereits gefertigt und ausgeliefert. "Ich bin sehr zufrieden mit der K6", sagt Markus Berghaus. In seiner Flugschule "active Zone" in 48361 Beelen machte er bereits 500 Schlepps mit dem neuen Modell. Kirchner Junior möchte seinen Kunden die "K6" mit der erhältlichen Zusatzausstattung schmackhaft machen. Den Anhänger liefern die Kirchners auf Wunsch mit einem individuellen Fahrgestell, einer Halterung für ein Motorrad oder Quad oder mit einer Auflaufbremse, um eine Anhängelast von mehr als 600 Kilogramm zu ermöglichen: "Wir montieren die K6 auch auf der Ladefläche von Pick Ups." Serienmäßig gibt es eine automatische Seilbremse, die Seilüberwürfe beim Ausziehen verhindert.

Was kann die Elwisa-Elektrowinde von Martin Schaffer und Boris Sassenrath dem noch entgegenhalten? "Unsere Winde regelt permanent und computergesteuert Böen aus. Der Pilot spürt davon nichts", verspricht Schaffer. Als extra leicht gestaltet sich die Bedienung durch den Windenfahrer. Die Steuereinheit erinnert an die Fernbedienung eines Modellflugzeugs. Mittels eines Drehreglers wird die Zugkraft eingestellt. Mit einem Kippschalter sagt der Windenführer der Winde, ob am anderen Ende ein Drachen- oder Gleitschirmflieger hängt. Jetzt zieht er den kleinen Joystick bis zum Anschlag. Bei der Einstellung "Drachen" dauert es zwei Sekunden bis der volle Zug erreicht wird, beim Schirm sind es fünf.

So viel Komfort hat natürlich seinen Preis. Ohne Anhänger legt der Kunde 22.000 Euro auf den Tisch. "Dafür kostet ein Schlepp nur 15 Cent", betont Schaffer. Diese Rechnung geht auf, wenn die Flieger einen Stromanschluss in ihrem Gelände haben. Ist keiner vorhanden, wird laut Schaffer auf ein Notstromaggregat zurückgegriffen: "Bei der Bundeswehr bekommt man günstig ausrangierte Geräte." Dass dann wieder ein Verbrennungsmotor im System ist, empfindet der Hersteller nicht als Nachteil: "Notstromaggregate sind längst nicht so störanfällig, wie manche der herkömmlichen Winden."

Äußerst genügsam ist die Elwisa auch in Sachen Wartung. 4.000 Schlepps führten Schaffer und Sassenrath bisher durch: "Ab und zu saugten wir mit einem Staubsauger den Dreck weg, den die Seile vom Boden aufnahmen. Das war alles." Das Gerät habe fast keine Verschleißteile und komme zudem ohne Betriebsstoffe wie Treibstoff, Öl oder Wasser aus, erklärt der Hersteller.

Auf die Frage ob er die beim Flight Festival benutzte Winde verkaufen würde, falls einem Kunden die Lieferzeit von etwa drei Monaten zu lange dauert, antwortet Schaffer spontan mit einem klaren Nein: "Ich möchte diese Winde behalten, um zu sehen, ob mal was kaputt geht." Er rechnet damit, dass sie 20 Jahre hält. Bis dahin wird es aber auch ein Nachfolgemodell der aktuellen Version geben. Die Vision der Entwickler ist eine Winde, die keinen Windenfahrer mehr benötigt, weil sie vom Piloten selbst per Fernbedienung gesteuert wird.

Das Fazit des Schleppbüros des DHV, mit dem die Hersteller bei der Vorstellung ihrer neuen Modelle in Warstein zusammen arbeiteten, fällt positiv aus. "Alle Winden sind wesentlich solider gebaut als frühere Versionen", freut sich Horst Barthelmes. Auch im Bezug auf Sicherheit, Umweltaspekte und Betriebskosten kommt die neue Windengeneration deutlich verbessert daher.

*** INFOBOX ***
Kontaktdaten der Hersteller:

Mohaupt Wärmedienst- und Montageservice GbR, Welschufer Straße 49, 01728 Bannewitz, Ortsteil Welschhufe. Telefon: 03 51 / 4 72 06 50. www.schleppwinde-online.de eMail: in-fo@schleppwinde-online.de

Auto Kirchner, Meininger Straße 19, 98631 Römhild, Telefon: 03 69 48 / 83 00. www.drachen-gleitschirmwinden.de. eMail: autokirchner@gmx.de

Elwisa – die Winde, Martin Schaffer, Auf dem Acker 9, 56459 Langenhahn, Telefon: 0 26 63 / 77 24. www.elwisa.de, eMail: in-fo@elwisa.de

Ein Beitrag von Heiko Link