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Deutscher Hängegleiterverband e.V.

DHV

Luftsport im Biosphärenreservat Rhön

Guido Bauernschmitt et. al.; Hrsg. Planungsbüro Grebe, Nürnberg; März 1998

Einleitung:

Die Rhön ist ein international bedeutsames Luftsportgebiet. Die Wasserkuppe gilt als Ursprung und Zentrum der Weltfliegerei. Gleichzeitig ist die Rhön ein bundesweiter, mit der Anerkennung als Biosphärenreservat sogar weltweiter Schwerpunkt des Naturschutzes.

Mit diesem Gutachten sollen Wege für ein einvernehmliches Miteinander von Luftsport und Naturschutz gefunden werden.

Luftsport in der Rhön:

Die gute Eignung der Rhön für den Luftsport begründet sich in der kuppigen Landschaftsstruktur mit Höhen bis zu 950m und den häufigen wald- und gebüschfreien Hochlagen.

Die Rhön besitzt 3 Segel- und Motorflugplätze, 29 Startstellen für Modellflugzeuge und 18 Startplätze für Hängegleiter, die sich auf den zentralen Bereich der Hohen Rhön um Bischofsheim, Gersfeld und Poppenhausen konzentrieren.

Die höchste Bedeutung für Hängegleiter hat der Startplatz am Pferdskopf.

Naturschutz in der Rhön:

Die Rhön wurde 1991 als Biosphärenreservat von der UNESCO anerkannt. Außerdem befinden sich in der Rhön folgende wertvolle Biotoptypen, die nach §20c Bundes Naturschutz Gesetz pauschal unter Schutz gestellt sind:

-Borstgrasrasen

-Kalkmagerrasen (Wacholderheiden, Trockenrasen)

-Moore, Sümpfe, seggen- und binsenreiche Nasswiesen

Im Rahmenkonzept zum Biosphärenreservat sind die besonders wertvollen Landschaftsteile als Kernzone (Entwicklung ohne menschliche Einflüsse) bzw. Pflegezone (hochwertige Bestandteile der Kulturlandschaft) abgegrenzt. Der hohe Wert der Rhön besteht in dem großflächig zusammenhängenden Lebensraumkomplex. Er bietet die Grundlage für das Vorkommen bedrohter und störungsempfindlicher Arten.

Als Leitart für die Artengemeinschaft, die diesen Lebensraum benötigt, gilt das Birkhuhn.

Der Erfolg bei der Sicherung der Lebensräume in den vergangenen Jahren kann durch die deutlich zugenommene Belastung durch Freizeitnutzungen und Erholungssuchende gefährdet werden. Dies gilt v.a. für die Hochlagen, die von den anderen Einflüssen bisher weitgehend verschont blieben.

Konfliktdiskussion Naturschutz und Luftsport:

Die Erhaltung der offenen Rhönlandschaft ist sowohl Ziel des Naturschutzes als auch des Luftsports. Die Ausübung des Luftsports kann aber folgende Wirkungsfaktoren umfassen, die in der Folge zu Konflikten führen:

-Versiegelung von offenen Flächen, Anlage von Gebäuden

-Schallemissionen, Umgang mit Treibstoffen bei Fluggeräten mit Motoren

-Beunruhigung von Tieren durch plötzliches Erscheinen

-Störungen für Tiere und Vegetation durch Zufahrt und Zugang zu Start- und Landeplätzen und durch die Anwesenheit von Piloten und Zuschauern an Startplätzen

-Beunruhigung sonst ungestörter Bereiche durch Außenlandungen.

Es muss aber nicht jede Beeinträchtigung zwangsläufig erheblich und nachhaltig im Sinne des Naturschutz Gesetzes sein. Das Ausmaß hängt stark ab von Art und Intensität der Beeinträchtigung, als auch von der Empfindlichkeit der jeweiligen Lebensräume und Arten sowie dem Zeitpunkt möglicher Störungen.

U.U. können bereits einmalige Störungen zu einem ungünstigen Zeitpunkt über den Bruterfolg eines ganzen Jahres entscheiden.

Daher ist eine Risikoabschätzung für jede konkrete Einzelsituation zu erwägen.

Einfluss des Flugbetriebs auf die Vegetation:

Die verschiedenen Pflanzengesellschaften sind gegenüber Betreten unterschiedlich empfindlich. Intensiv genutzte Wiesen weisen geringere Bestandesveränderungen auf, als andere Vegetationseinheiten, wobei fast immer seltene, empfindliche Arten zu Gunsten von Allerweltsarten verschwinden.

Als besonders trittempfindlich gelten Moore, Nasswiesen und Magerrasen. Auf Grund der hohen Bedeutung des Luftsports für die Rhön wird aber empfohlen, bzgl. der Trittschäden Kompromisse seitens des Naturschutzes einzugehen. Mäßige Trittschäden, die nicht zu Verlust des §20c-Charakters führen, können ausnahmsweise toleriert werden, sofern nicht anderweitige Konflikte vorliegen. Es sollte eine regelmäßige Kontrolle erfolgen, um die Ausdehnung und Verstärkung von Trittschäden zu vermeiden.

Angesichts der Großflächigkeit der noch vorhandenen Magerrasen erscheinen punktuelle Belastungen als vertretbar.

Einfluss des Flugbetriebs auf Tiere:

In der Rhön liegt ein Hauptkonfliktfeld in den möglichen Beeinträchtigungen von Vogellebensräumen. Zu diesem Thema wurde eine ganztägige Arbeitsgruppensitzung mit anerkannten Fachleuten und Ornithologen durchgeführt.

Störungen erfolgen nicht nur, wenn eine Flucht ausgelöst wird, sondern auch durch Beunruhigungen, die die Nahrungsaufnahme, Körperpflege, innerartliche Kommunikation als auch die Brutpflege erschweren.

Als relevante Arten zur Beurteilung des Konflikts Luftsport – Vogelschutz in der Rhön eignen sich v.a. folgende Vögel: Birkhuhn, Wachtelkönig, Bekassine, Raubwürger, Neuntöter, Schwarzstorch, Wiesenpieper, Braunkehlchen, Heidelerche und Steinschmätzer.

Da das Birkhuhn als Leitart der offenen Hochrhönlandschaft für die Diskussion in der Auseinandersetzung zw. Luftsport und Vogelschutz besonders gut geeignet ist, wird sein Fluchtverhalten etwas ausführlicher dargestellt.

Das Birkhuhn ist mit hoch entwickelten Hör- und Sehleistungen ausgestattet. Bei Gefahr können sie erstarren und lange Zeit in Alarmhaltung verharren oder im Zeitlupentempo Deckung suchen. Bei Küken werden durch Alarmrufe der Henne blitzschnelles auseinander Laufen und sich Drücken ausgelöst. Die Flugzeiten der Hängegleiter decken sich mit den Aktivitätszeiten potentieller Luftfeinde. Das Birkhuhn hat sich diesem Rhythmus angepasst und hält sich in diesen Zeiten vorwiegend in deckungsreichem Gelände auf bzw. reduziert die Aktivität. Die Fluchtdistanz variiert stark und hängt ab von der Art des Feindes, der Jahreszeit, dem Wetter und individuellen Eigenheiten. In Zeiten besonderer Aktivierung (Balz, Herbst, Winter) beträgt sie mehr als 250m. Gegenüber Maschinen und PKW`s flüchten sie wesentlich weniger als bei direktem Kontakt mit dem Menschen. Das Birkhuhn zeigt ebenso wie der Schwarzstorch in der Rhön bislang keine Gewöhnungseffekte. Sporadisch auftauchende Flugzeuge, Wanderer , Skilangläufer, aussteigende Autofahrer oder auch Ballone lösen Sicherungs- und Fluchtmechanismen aus. Besonders bedeutend ist, dass diese Störungen kaum kompensiert werden können, da in der Rhön ungestörte Ausweichlebensräume nur eingeschränkt vorhanden sind.

Durch die Berücksichtigung der Belange des Naturschutzes wurden seitens des DHV keine Gelände beantragt, die innerhalb von Birkhuhnhabitaten liegen.

Hängegleiterpiloten benötigen nur kleine Startflächen und überfliegen eher langsam und gemächlich einen abgegrenzten Bereich. Durch Flugbewegung und Geschwindigkeit sind die Flüge relativ berechenbar für die Tierwelt, die Voraussetzung für eine Gewöhnung individuenstarker Populationen bei regelmäßigem Flugbetrieb sind relativ günstig. Die Winkelgeschwindigkeit ist auf die relativ langsamen Hängegleiter und Gleitsegel nur sehr bedingt anzuwenden, die Greifvogelsilhouette trifft ohnehin nicht zu. Allerdings können Niedrigüberflüge erhebliche Störungen verursachen. Die Anwesenheit der Piloten sowie evtl. von Angehörigen und Zuschauern, sowie der Zugang zum Startplatz kann ebenfalls eine Beeinträchtigung der Tiere bedeuten.

Bei Streckenflügen über mehrere Kilometer spielt wegen der angestrebten Höhe von etwa 1000m über Grund die Beeinträchtigung der Vogelwelt dann keine Rolle.

Bewertung – Grundlagen für die Standortempfehlungen:

Die Ansprüche von Naturschutz und Luftsport überlagern sich in weitem Maße. Ein Kompromiss muss deshalb durch sehr sorgfältige Abwägung über den gesamten Raum der Rhön länderübergreifend erarbeitet werden. In Einzelfällen sind erhebliche Zugeständnisse sowohl für Luftsportler wie für den Naturschutz unumgänglich.

2/3 (66%) der Standorte für den Modellflug und ¾ (76%) der Standorte für Hängegleiter befinden sich innerhalb von nach Art. 20c Bundes Naturschutz Gesetz geschützten Biotopen. Einem Kompromiss liegen deshalb folgende Leitlinien zur Lösung des Konflikts zu Grunde:

-Für den Luftsport soll weiterhin ein Netz an gut geeigneten Standorten erhalten bleiben

-Das Netz soll weiterhin ein Angebot für alle Himmelsrichtungen umfassen

-Die Aufgabe von traditionsreichem und gut geeignetem Gelände kann nur bei erheblicher Beeinträchtigung von Biotopen und Fehlen anderer Störungen empfohlen werden

-Die Belange des Naturschutzes werden v.a. bei großflächig zusammenhängenden Gebieten mit Vorkommen stark bedrohter Arten hoch gewichtet

-Der Faktor Trittbelastung auf geschützten Flächen tritt eher punktuell auf und ist in den meisten Fällen noch vertretbar. Daher werden auch hier Kompromisse empfohlen.

Von den beantragten 18 Hängegleiterstandorten werden 12 zur Nutzung empfohlen, 2 neue Ersatzstandorte wurden vorgeschlagen.

Für die Wasserkuppe liegt ein Konzept vor, das eine erheblich naturverträglichere Nutzung ermöglicht als bisher.